Ein gedeckter Tisch für Sechsbeiner

Warum Insekten im Garten unsere Zukunft sichern

Schönheit alleine reicht nicht mehr. Ein moderner Garten muss heute mehr können: Er soll ökologisches Fundament, Trittsteinbiotop und Lebensraum zugleich sein. Im Gespräch mit dem burgenländischen Gartengestalter Joachim Kugler (20 Jahre Erfahrung mit trockenheitsverträglichen Gärten) erfahren wir, warum der „Insektenwert“ einer Pflanze genauso wichtig ist wie ihre Optik – und warum wir bei der Pflanzenwahl mutiger über den Tellerrand blicken müssen.

Die ökologische Pyramide: Ohne Insekten kein Leben

Warum ist es so entscheidend, Pflanzen nach ihrem ökologischen Wert auszuwählen? Joachim Kugler bringt es auf den Punkt: Insekten sind das Fundament unserer ökologischen Pyramide. Sie sind nicht nur für die Bestäubung unserer Obstkulturen und landwirtschaftlichen Flächen zuständig, sondern bilden die essentielle Nahrungsgrundlage für andere Tiere. Ein Beispiel: Ohne Raupen gibt es keine Jungvögel.

Die Zahlen sind alarmierend: Seit den 1960er Jahren ist die Insekten-Biomasse um 50 % bis 80 % zurückgegangen. „Früher war nach einer Fahrt von Burgenland nach Salzburg die Windschutzscheibe voll mit Insekten“, erinnert sich Kugler. „Heute schafft man das kaum noch in einem ganzen Sommer.“

Der Garten als „Trittsteinbiotop“

Unsere Naturschutzgebiete geraten zunehmend unter Druck. Sie werden kleiner und isolierter. Hier kommt dem privaten Garten eine neue, strategische Rolle zu: Er fungiert als Trittsteinbiotop.

Viele Insekten haben nur einen geringen Aktionsradius. Während die imposante Holzbiene bis zu sechs Kilometer weit fliegt, bewegen sich manche Falterarten nur in einem Umkreis von wenigen Quadratmetern. Wenn die Distanzen zwischen geschützten Naturräumen zu groß werden, bleibt der genetische Austausch aus. Unsere Gärten dienen hier als „Tankstellen“ und Zwischenstationen, an denen Insekten Energie (Nektar) tanken können, um die Reise zum nächsten Schutzgebiet fortzusetzen.

Spezialisten vs. Generalisten: Wer frisst was?

In der Gartenplanung unterscheiden wir zwischen zwei Gruppen:

  1. Generalisten: Wie die Honigbiene. Sie sind wenig wählerisch und fliegen viele verschiedene Blüten an.

  2. Spezialisten (Oligolektische Arten): Diese Tiere sind oft auf eine einzige Pflanzenfamilie oder gar eine einzige Pflanzenart angewiesen.

Ein klassisches Beispiel ist der Schwalbenschwanz, dessen Raupen hochspezialisiert auf bestimmte Pflanzen (wie die Weinraute oder Diptam) angewiesen sind. Oder die Schneckenhaus-Biene, die ihre Eier ausschließlich in leere Schneckenhäuser legt. „Keine Raupe, kein Falter“, mahnt Kugler. Wer Schmetterlinge will, muss auch die Futterpflanzen für deren Raupen akzeptieren – selbst wenn das mal die Brennnessel ist.

Das Dogma der Heimischen Pflanzen

Ein oft diskutiertes Thema ist die Exklusivität heimischer Pflanzen. Joachim Kugler vertritt hier eine klare, praxisorientierte Meinung: „Nur heimisch ist gut“ ist ein Mythos.

Angesichts des Klimawandels müssen wir über den Tellerrand (und über den Alpenhauptkamm) hinausschauen. Viele südeuropäische oder mediterrane Pflanzen, wie die Weinraute oder der Blaue Raublatt-Salbei, bieten unseren heimischen Insekten hervorragende Nahrungsquellen. „Die Insekten sind oft schon da und nehmen diese neuen Angebote dankend an“, so Kugler. Gerade für Generalisten (ca. 40 % der Wildbienen) sind auch nicht-heimische Pflanzen wie die Prachtkerze (Gaura) oder Echinacea wertvolle Tankstellen.

Praxistipps: So machen Sie Ihren Garten insektenfit

Wie verwandelt man eine „grüne Wüste“ (Rasen und Thujenhecke) in ein Insektenparadies?

  1. Den Tisch decken: Pflanzen Sie so, dass vom zeitigen Frühjahr bis zum späten Herbst immer etwas blüht.

  2. Lebensraum schaffen: Insekten brauchen mehr als nur Nahrung.

    • Sandarium: Ein Loch graben und mit kalkhaltigem Sand füllen – ein Paradies für die zwei Drittel der Wildbienen, die im Boden nisten.

    • Totholz: Schichten Sie Äste und Stämme in einer ruhigen Ecke auf.

    • Mut zur Unordnung: Lassen Sie verblühte Stauden und Samenstände über den Winter stehen. Viele Insekten (wie die Holzbiene in Königskerzen-Stängeln) nutzen diese als Winterquartier.

  3. Wasserstelle: Eine flache Schale mit Steinen als Landeplatz hilft Insekten an heißen Tagen.

Fazit: Jeder Quadratmeter zählt

Man muss nicht die ganze Welt retten – es reicht oft schon, einen Quadratmeter zu retten. Ein insektenfreundlicher Garten muss dabei keineswegs „wild“ oder ungepflegt aussehen. Eine ästhetische Gestaltung und ökologischer Wert lassen sich hervorragend kombinieren.

Joachims abschließender Rat: „Kopfhörer runter, weg vom Handy und einfach mal eine Runde durch den Garten gehen. Wer beobachtet, entdeckt eine faszinierende, geheime Welt direkt vor der Terrassentür.“

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Vorschau: Im Februar 2026 erscheint das neue Buch von Joachim Kugler, ein umfassendes Nachschlagewerk über trockenheitsverträgliche Pflanzen und ihren spezifischen Insektenwert.

Quelle: Der Garten Potcast von Johannes Praskac.